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Tucholsky 2.0

Ein Oberrealschüler aus Nürnberg hat dereinst dem Schriftsteller Kurt Tucholsky ein baldiges Ableben gewünscht, damit dessen Bücher billiger werden und er sie sich leisten könne. Tucholsky nahm dies mit Humor und zum Anlass seinem Verleger nahezulegen die Bücher billiger zu machen.

Nach nicht einmal einer Woche mit einem eReader ist mir der Humor vollkommen vergangen. Nichts gegen den Sony PRS-T1, der es dann doch geschafft hat mich zu überzeugen. Zum Lesen ist er einwandfrei, vorausgesetzt die Bücher landen auf dem eReader. Was schon mal deswegen nicht so leicht ist, weil es von Sony natürlich nur passende Software für Windows und Mac gibt. Zum Glück gibt es Calibre, das auch für Linux verfügbar ist und nebenbei bemerkt, bedeutend mächtiger ist als die Sony Software.

Als wirklich dramatisches Problem hat sich der Kopierschutz, euphemistisch auch Digitales Rechtemanagement (DRM) genannt, herausgestellt, das so weit ich es bis jetzt beurteilen kann, immer von Adobe stammt. Entweder als epub und Adobe Digital Editions oder integriert in den Acrobat Reader für PDFs. Eine Datei lässt sich manchmal gar nicht öffnen, dann nur am PC, an anderes Mal nur unter Windows. Auf den Reader übertragen lassen sie sich dort öffnen, aber nicht mehr an PC. Per DRM geschützte PDFs gehen überhaupt nur mit Acrobat Reader auf dem PC, der Reader kann damit gar nichts anfangen.

Genau so stellt man sich ein Verlagswesen vor, das mit aller Gewalt an gedruckten Büchern festhalten will und digitalem Lesestoff mit ausgeprägter Distanz begegnet. Den Vogel schießen da auch noch die öffentlichen Büchereien ab, die eBooks über onleihe.net anbieten. Das war die letzen Tage ein perfekter Zufallsgenerator ob man überhaupt ein Buch ausleihen, besser gesagt downloaden konnte und ob dann auch noch der DRM-Server den Zugriff auf das Werk gestattete. Immerhin, die öffentlichen Bibliotheken kommen damit ihrem Bildungsauftrag nach. Zwangsläufig beschäftigt man sich damit, wie DRM funktioniert und welche Möglichkeiten es gibt, es zu umgehen.
Wenn es in den vergangenen Tagen etwas gab, das mich davon abgehalten hat den eReader sofort wieder zurückgeben, dann waren das die taz und frei verfügbare Bücher ohne DRM, ausserdem die Aussicht Bücher ohne DRM bei Buchhändlern wie beam zu bekommen.

80 Jahre nach Tucholsky möchte man den Verlegern zurufen:

„Gebt uns Bücher ohne DRM! Gebt uns Bücher ohne DRM! Gebt uns Bücher ohne DRM!“
Weder ihr noch eure Dienstleister habt die Technik auch nur ansatzweise im Griff. Es kostet einen Haufen Geld, mit dem nur eines erreicht wird: es werden weniger Bücher gelesen. Das haben die Autoren nicht verdient.
Wenn ihr unbedingt gedruckte Bücher verkaufen wollt, dann macht das noch vier/fünf Jahre, aber jammert dann nicht, wenn damit eine ganze Branche vor die Hunde geht.

Ja, als Informatiker sind mir die theoretischen Hintergründe des DRM durchaus bekannt und es ist mir ein Leichtes das DRM zu umgehen. Es kann aber nicht sein, dass für die Lektüre eines Buchs ein einschlägiges Studium und offener Gesetzesbruch notwendig wird.

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4 Antworten auf Tucholsky 2.0

  1. Stefan R. sagt:

    Danke, jetzt ist mir klar, dass es nicht an mir liegt, wenn diese ****-Onleihe nicht funktioniert. Das einzige was bei mir bisher Problemlos geklappt hat waren Kindervideo für die kleinen.

  2. @Stefan R.
    Stimmt, das mit dem Kinderfilm, war bisher nur einer, hat bei mir auch problemlos geklappt. Eine ältere Spiegelausgabe ging auch, allerdings eben nur auf dem PC und da habe ich das früher schon keine langen PDFs gelesen und werde das auch jetzt nicht anfangen.

  3. Menkinger sagt:

    Dann ist Ausleihen damit auch nix. Kann ich gleich beim Kindle blieben und warte bis Amazon das irgendwie einbaut. Übrigens klappt das Kaufen der E-Books mit Amazon ganz wunderbar und ich kann Bücher auch am PC lesen.

  4. @Menkinger
    Amazon hat da sein eigenes Buch-Ökosystem aufgebaut, da glaube ich gerne, dass das einwandfrei klappt, vorausgesetzt man hält sich an deren Regeln. Mit Linux brauche da aber auch nicht kommen.